Zentrum für Wissenschaft, Forschung und europäische Spiritualität

(K)ein Versuch einer Antwort - von Sr. Maura Zátonyi OSB

Wer ist Hildegard von Bingen (1098-1179), diese Nonne, die so viele Menschen anzieht, wie kaum eine andere Persönlichkeit aus dem Mittelalter? Will man eine Antwort auf diese Frage finden, kommt man schnell in Verlegenheit. Zum einen steht Hildegards Name auf Naturprodukten und Dinkelplätzchen, in ihrem Namen wird Medizin angeboten und werden Fastenkuren gehalten. Zum anderen ist von ihr ein umfangreiches theologisches Werk überliefert, dessen Lektüre eine große Herausforderung darstellt. Wer in Hildegards Werken ein bisschen schon gelesen hat, kann diese Erfahrung bestätigen. Dazu kommen die Probleme, die ihr Werk aufwirft: die komplexe Überlieferungslage der Texte, die Ermittlung der von ihr benutzten Quellen, die Deutung der literarischen Bilder in ihren Werken. Die Liste kann noch weitergeführt werden, die Hildegard-Forschung kennt eine Reihe „Problemata Hildegardiana“.

Zwischen diesen beiden Extremen - Hildegard als Naturheilkundige und Hildegard als eine schwer erschließbare Theologin - ergibt sich ein großes Spektrum: Kochrezepte und Kalender mit Hildegard-Zitaten, spirituelle Angebote und wissenschaftliche Studien, Musikaufführungen und künstlerische Darstellungen. Wenn mit Hildegards Namen so verschiedene Sachverhalte verbunden werden können - ist sie nicht eine schillernde Persönlichkeit? Wird ihr Name äquivok gebraucht oder liegt die Möglichkeit einer solchen Vielfalt bereits in ihrer Person und in ihrem Werk? Worin liegt der Grund für eine so unterschiedliche Wahrnehmung Hildegards?

Es gibt mehrere Wege, die zur Beantwortung dieser Fragen näher führen. Ein zuverlässiger Weg ist das Studium der handschriftlichen Überlieferung ihrer Werke. Die Handschriften sind jene Zeugen, die uns die Texte Hildegards - wie eines jeden Autors - aus unmittelbarer Nähe bis zu uns überliefern und die ermöglichen, mit Hildegards Denken und Lehre wortwörtlich in Berührung zu kommen. Die Handschriften sind materielle Träger des Geistes. Ein weiterer Weg ist die Erschließung ihrer Werke im philosophie- bzw. theologiegeschichtlichen und religiös-kulturellen Kontext. Ein Lebenswerk entsteht nicht ohne einen historisch bedingten Kontext, auch ist die Denkform eines Menschen zutiefst von seiner Lebensform geprägt. Eine mehrfache Kontextualisierung von Hildegards Leben und Denken hilft zum tieferen Verständnis ihres Werkes und schließlich ihrer Person.

Auf dieser Grundlage - einerseits der Erforschung der Quellen ihrer Werke, andererseits der Kenntnisse aus ihrer Erfahrungswelt - lässt sich ein geistig-geistliches Miniaturporträt Hildegards folgenderweise entwerfen: Hildegard hat die Zeichen der Zeiten erkannt. Auf die religiösen, kirchlichen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen ihres Jahrhunderts hat sie auf vielfältige Weise geantwortet. Mit ihrem gesellschaftlichen Engagement gestaltete sie die politischen Entwicklungen ihrer Zeit. Sie stand in Briefkontakt mit Päpsten und Bischöfen, aber auch mit weltlichen Herrschern, wie Kaiser Friedrich Barbarossa. Mit ihrem karitativen Einsatz linderte sie die Not vieler Leidenden und mit ihrer lebensweltlichen Weisheit stand sie den Ratsuchenden bei. Mit ihrer künstlerischen Begabung bereicherte sie die Feier des Gottesdienstes, indem sie Gesänge komponierte. Mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit nahm sie an den theologischen und philosophischen Debatten ihres Zeitalters aktiv teil. Die Basis für all diese Tätigkeiten in Kirche und Welt schuf Hildegard mit ihren beiden Klostergründungen. In einer von Umbrüchen gezeichneten Epoche, wie das 12. Jahrhundert es war, wollte Hildegard ihre Klöster zu einem Ort der Orientierung für die verunsicherten Menschen machen. Dazu wählte sie die Benediktusregel als richtunggebende Weisung. Ihr Lebenswerk erfährt bis heute Bestand: Die Tradition ihrer Klostergründung, obwohl im Laufe der Geschichte deren Gebäude zerstört oder enteignet wurden, lebt in der heutigen Benediktinerinnenabtei St. Hildegard weiter und die Botschaft ihrer Werke spricht viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche auch im 21. Jahrhundert an.

Lektüreempfehlung:

MAURA ZÁTONYI: Hildegard von Bingen (Zugänge zum Denken des Mittelalters 8), Münster 2017. ISBN 978-3-402-15674-2.


Hildegards Biographie in Eckdaten

1098 in Bermersheim oder Niederhosenbach geboren

Ca. 1112 Eintritt mit Jutta von Sponheim in die dem Mönchskloster Disibodenberg angeschlossene Klause und monastische Profess

1136 nach Juttas Tod wird Hildegard zur Magistra des Frauenkonvents gewählt

1141-1151 Niederschrift ihres ersten Visionswerkes, Liber Scivias (Wisse die Wege)

1147/48 Reformsynode in Trier: Anerkennung ihrer Schriften durch Papst Eugen III.

Um 1150 Klostergründung auf dem Rupertsberg und Übersiedlung

1161-1163 Reisen mit mehreren öffentlichen Predigten (u.a. in Mainz, Würzburg, Bamberg, Trier, Metz und Köln)

1158-1163 Arbeit am Liber vitae meritorum (Das Buch der Lebensverdienste)

1165 Zweite Klostergründung in Eibingen

1163-1170 Verfassung ihres letzten Hauptwerkes, Liber divinorum operum (Das Buch der göttlichen Werke)

1178 Konflikt mit der Mainzer Bischofsverwaltung, Interdikt über das Kloster Rupertsberg

17. September 1179 Hildegard stirbt im Kloster Rupertsberg