Zentrum für Wissenschaft, Forschung und europäische Spiritualität

von Sr. Maura Zátonyi OSB

Jacques Delors, ehemaliger Präsident der EU-Kommission und einer der bedeutendsten Europapolitiker, wandte sich in einer kritischen Zeit der Europäischen Union Anfang der 1990er Jahre an die Vertreter der Kirchen mit folgenden Worten: „Glauben Sie mir, wir werden mit der europäischen Einigung keinen Erfolg haben, wenn sie sich einzig auf rechtlichem und wirtschaftlichem Fachwissen gründet. Wenn es uns in den nächsten zehn Jahren nicht gelingt, Europa eine Seele, eine Spiritualität und eine Bedeutung zu geben, dann ist das Spiel aus.“ [1]

Schon in den Jahrzehnten davor und ununterbrochen bis heute lässt die Katholische Kirche immer wieder ihre Stimme hören, die dieser ernsten Mahnung eines weitblickenden Politikers entsprechen. Die Päpste haben sich des Anliegens des europäischen Integrationsprozesses angenommen und sich dafür eingesetzt. Die folgende Auswahl von päpstlichen Stellungnahmen, die in den vergangenen sieben Jahrzehnten zu unterschiedlichen Anlässen entstanden sind, zeugen davon. Zwei hauptsächliche Richtungen sind erkennbar. Einerseits erinnern die Päpste unermüdlich daran, dass Europa im Christentum verwurzelt ist: Die Menschenrechte und die Fähigkeit zum Dialog mit anderen Religionen und Kulturen, eine Reihe von gesellschaftlichen Werten wie Solidarität und Subsidiarität, weiterhin soziale Einrichtungen und Kulturgüter, wissenschaftliche Tätigkeit und künstlerische Gestaltung ... - all diese Errungenschaften in Europa haben ihren Ursprung im Christentum. Andererseits fordern die Päpste die Christen auf, sich an der Gestaltung der Gesellschaft und der Politik aktiv zu beteiligen und so am Friedensprozess mitzuwirken. Diese Texte ergeben ein Konzept der „europäischen Spiritualität“, die sich aus Erinnerung, Geistesgegenwart und Hoffnung bildet.

Besonders beeindruckt die Rede von Papst Franziskus vom Oktober 2017, in der er die Grundlagen Europas in jenen Haltungen erblickt, welche der hl. Benedikt vor anderthalb Jahrtausenden in seiner Regel ans Herz legt. Einen neuen Aufbruch für Europa kann daher die Neuentdeckung benediktinischer Tradition bedeuten. Nicht ohne Grund ist der hl. Benedikt der erste Schutzpatron Europas: der Einsatz für den Frieden, die Entwicklung von Kultur in allerlei Gestalt von Landwirtschaft bis Wissenschaft und die Ausrichtung auf Gott, den Schöpfer der Welt und den Herrn der Geschichte - in dieser Verbindung schufen Menschen und Frauen auf den Fußstapfen des hl. Benedikt ein Fundament, auf dem Europa auch heute noch baut.

Europa neu denken - Papst Franziskus an die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (28. Oktober 2017)

„Als die antike Zivilisation unterging und die Herrlichkeiten Roms zu jenen Ruinen wurden, die wir heute noch in der Stadt bewundern können, als die neuen Völker über die Grenzen des alten Reichs drängten, ließ ein junger Mann die Stimme des Psalmisten widerhallen: »Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?«. Mit der Formulierung dieser Fragestellung im Prolog der Regula lenkte der heilige Benedikt die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen – und auch die unsere – auf eine Auffassung vom Menschen, die sich von derjenigen der griechisch-römischen Klassik und noch mehr von jener gewalttätigen, die für die einfallenden Barbaren charakteristisch war, radikal unterschied. ... Der heilige Benedikt achtet nicht auf den sozialen Stand oder auf den Reichtum oder die Macht, die jemand innehat. Er wendet sich an die gemeinsame Natur jedes Menschen, der - gleich welchen Standes - sich nach dem Leben sehnt und sich glückliche Tage wünscht. Für Benedikt gibt es keine Rollen, sondern Personen, keine Adjektive, sondern Substantive. Gerade dies ist einer der Grundwerte, den das Christentum gebracht hat: der Sinn für die Person, die nach dem Ebenbild Gottes gebildet ist. Ausgehend von diesem Grundsatz wird man Klöster bauen, die über die Zeit zur Wiege der menschlichen, kulturellen und religiösen und auch wirtschaftlichen Renaissance des Kontinents werden. Der erste und vielleicht größte Beitrag, den die Christen dem heutigen Europa bringen können, ist es, daran zu erinnern, dass es nicht eine Ansammlung von Zahlen oder Institutionen ist, sondern aus Menschen besteht.“

Die Straßen der Hoffnung erkennen - Papst Franziskus zum 60. Jahrestag des „Vertrags von Rom“ (24. März 2017)

Europa findet wieder Hoffnung, wenn der Mensch die Mitte und das Herz seiner Institutionen ist. Ich meine, dies muss das aufmerksame und vertrauensvolle Anhören der Anliegen miteinschließen, die sowohl von den Einzelnen vorgebracht werden als auch von der Gesellschaft und den Völkern, welche die Union bilden ...
Europa findet wieder Hoffnung in der Solidarität, die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus ist. Die Solidarität bringt das Bewusstsein mit sich, Teil eines einzigen Körpers zu sein, und schließt gleichzeitig die Fähigkeit eines jeden Gliedes mit ein, mit dem anderen und dem Ganzen zu ‚sympathisieren‘ ...
Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich nicht in die Angst falscher Sicherheiten einschließt. Im Gegenteil, seine Geschichte ist sehr von der Begegnung mit anderen Völkern und Kulturen bestimmt und seine Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität ...
Europa findet wieder Hoffnung, wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert ...
Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich der Zukunft öffnet und wenn es sich den jungen Menschen öffnet ...“

Die Transfusion des Gedächtnisses - Papst Franziskus zur Verleihung des Karlpreises (6. Mai 2016)

„Es wird uns gut tun, die Gründerväter Europas in Erinnerung zu rufen. Sie verstanden es, in einem von den Wunden des Krieges gezeichneten Umfeld nach alternativen, innovativen Wegen zu suchen. Sie hatten die Kühnheit, nicht nur von der Idee Europa zu träumen, sondern wagten, die Modelle, die bloß Gewalt und Zerstörung hervorbrachten, radikal zu verändern. Sie wagten, nach vielseitigen Lösungen für die Probleme zu suchen, die nach und nach von allen anerkannt wurden. ... Diese Transfusion des Gedächtnisses macht es uns möglich, uns von der Vergangenheit inspirieren zu lassen, um mutig dem vielschichtigen mehrpoligen Kontext unserer Tage zu begegnen und dabei entschlossen die Herausforderung anzunehmen, die Idee Europa zu „aktualisieren“ – eines Europa, das imstande ist, einen neuen, auf drei Fähigkeiten gegründeten Humanismus zur Welt zu bringen: Fähigkeit zur Integration, Fähigkeit zum Dialog und Fähigkeit, etwas hervorzubringen.“

Ein dialogisierendes Europa - Papst Franziskus im Europarat (25. November 2014)

„Wir können Europa fragen: Wo ist deine Kraft? Wo ist jenes geistige Streben, das deine Geschichte belebt hat und durch das sie Bedeutung erlangte? Wo ist dein Geist wissbegieriger Unternehmungslust? Wo ist dein Durst nach Wahrheit, den du der Welt bisher mit Leidenschaft vermittelt hast? Von der Antwort auf diese Fragen wird die Zukunft des Kontinentes abhängen!“

Die transzendente Würde des Menschen - Papst Franziskus beim Europaparlament in Straßburg (25. November 2014)

„Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen ‚humanistischen Geist‘, den es doch liebt und verteidigt.“

An den Deutschen Bundestag - Papst Benedikt XVI. (22. September 2011)

„Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.“

Vision eines geeinten Europas - Ansprache von Papst Johannes Paul II. an die Mitglieder des Karlspreis-Direktoriums (24. März 2004)

Johannes Paul stellt sich die Frage, was ist das Europa, welches man sich heute erträumen müsste - und entwirft seine Vision: „Das Europa, das mir vorschwebt, ist eine politische, ja mehr noch eine geistige Einheit, in der christliche Politiker aller Länder im Bewußtsein der menschlichen Reichtümer, die der Glaube mit sich bringt, handeln: engagierte Männer und Frauen, die solche Werte fruchtbar werden lassen, indem sie sie in den Dienst aller stellen für ein Europa des Menschen, über dem das Angesicht Gottes leuchtet.“

Quelle der Hoffnung für Europa - Nachsynodalisches Apostolisches Schreiben „Ecclesia in Europa“ von Johannes Paul II. (28. Juni 2003)

Hoffnung auf den Aufbau einer gerechten und menschenwürdigeren Welt - Apostolisches Schreiben in der Form eines Motu proprio von Papst Johannes Paul II. (1. Oktober 1999)

„Europa soll wachsen! Es soll wachsen als Europa des Geistes auf dem Weg seiner besseren Geschichte, die gerade in der Heiligkeit ihren erhabensten Ausdruck findet.“ Mit diesen Worten ruft Papst Johannes Paul II. alle Christen auf, an einem größeren Zusammenhalt der Völker zu bauen. Dazu stellt er drei große Frauengestalten der Geschichte vor Augen zum Vorbild und erklärt sie zu Mitpatroninnen Europas: Birgitta von Schweden, Katharina von Siena und Edith Stein.

Europa als Ganzes - Apostolisches Schreiben von Papst Johannes Paul II. (31. Dezember 1980)

Papst Johannes Paul II., der polnische Papst, hat die Bedeutung der beiden Slawenapostel, der hll. Cyrill und Methodius aus dem 9. Jahrhundert, dadurch anerkannt, dass er sie zu Schutzpatronen Europas - neben dem hl. Benedikt - ernannte. Der Papst würdigt damit nicht nur die Leistung dieser beiden Heiligen für Evangelisierung und Bildung, sondern unterstreicht die Einheit Europas, die im gegenseitigen Verständnis West und Ost besteht: "Europa als Ganzes entsteht aus dem Zusammenwirken zweier Strömungen christlicher Tradition, zu denen zwei unterschiedliche, einander ergänzende Kulturformen hinzukommen.“

Der Bote des Friedens - Apostolisches Schreiben von Papst Paul VI. (24. Oktober 1964)

Den Boten des Friedens nennt Papst Paul VI. den hl. Benedikt von Nursia und erklärt diesen zum Schutzpatron Europas. Zugleich würdigt er den benediktinischen Beitrag zur Einheit Europas: „Es waren vor allem der hl. Benedikt und seine Mönche, die mit dem Kreuz, dem Buch und dem Pflug den Völkern vom Mittelmeer bis nach Skandinavien, von Irland bis Polen den christlichen Fortschritt brachten ... So schuf Benedikt in Europa jene geistige Einheit, kraft derer Völker, die auf sprachlicher, ethnischer und kultureller Ebene getrennt waren, fühlten, das eine Volk Gottes zu sein; eine Einheit, die dank des unermüdlichen Wirkens der Mönche, die in die Spuren eines so hohen Meisters traten, das Kennzeichen des Mittelalters wurde. ... Der heilige Benedikt gelang es mit dem Licht der christlichen Zivilisation, die Finsternis zu vertreiben und das Geschenk des Friedens leuchten zu lassen.“


[1] Ansprache an die in Brüssel vertretenen Kirchen am 14. April 1992.