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Hildegard als Kirchenlehrerin

Die Gläubigen haben Hildegards Leben schon bald nach ihrem Tod als Ausdruck göttlicher Gnade und Vollendung angenommen. Bereits Anfang des 13. Jahrhunderts wurde der Heiligsprechungsprozess eingeführt, wegen mancher Nachlässigkeit ist er jedoch gescheitert. Dennoch hat das gläubige Volk Hildegard Jahrhunderte lang als Heilige verehrt. Erst im 21. Jahrhundert ist es aber dazu gekommen, sie offiziell heilig zu sprechen (10. Mai 2012). Kurz danach hat Papst Benedikt XVI. Hildegard am 7. Oktober 2012 zur Kirchenlehrerin erhoben. Damit hat die Kirche den genuinen Beitrag Hildegards zur Erschließung des Glaubens und zur Vertiefung des christlichen Lebens anerkannt und empfiehlt uns, Hildegards Botschaft als maßgebende Wegweisung für unser Leben fruchtbar zu machen.

Lektüreempfehlung

RAINER BERNDT / MAURA ZÁTONYI: Glaubensheil: Wegweisung ins Christentum gemäß der Lehre Hildegards von Bingen (Erudiri Sapientia 10), Münster 2013. ISBN 978-3-402-10437-8.
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Apostolisches Schreiben (Litterae apostolicae), mit dem Hildegard von Bingen, Nonne des Benediktinerordens, zur Kirchenlehrerin erhoben wird.

Papst Benedikt XVI.

übersetzt von Sr. Maura Zátonyi OSB

Zum unvergänglichen Gedenken

1. „Das Licht ihres Volkes und ihrer Epoche“: Mit diesen Worten hat der selige Johannes Paul II., unser ehrwürdiger Vorgänger, die heilige Hildegard von Bingen, die deutsche Mystikerin, im Jahre 1979 zum Anlass des 800. Jubiläums ihres Todes bezeichnet. Und in der Tat ragt diese vortreffliche Frau durch die Heiligkeit ihres Lebens und die Neuheit ihrer Lehre in der Geschichte hervor. Ihre Autorität übersteigt sogar die Grenzen jeglichen Zeitalters und jeglicher Gesellschaft, wie es bei jeder authentischen menschlichen und theologischen Erfahrung der Fall ist, und so erscheint ihr Geist über alle zeitlichen und kulturellen Entfernung hinaus als unvergänglich lebendig.

Es ist offensichtlich, dass bei der heiligen Hildegard von Bingen Lehre und alltägliches Leben miteinander vollkommen übereinstimmen. Die Suche nach Gottes Willen in der Nachfolge Christi drückt sich bei ihr darin aus, dass sie die Tugenden mit Beständigkeit und größtem Eifer ausübte und diese aus den biblischen, patristischen und liturgischen Quellen im Lichte der Regel des heiligen Benedikt nährte. Besonders leuchteten in ihr der Gehorsam, die Einfachheit, die Liebe und die Gastfreundschaft auf, welche Tugenden sie mit Ausdauer verwirklichte. Indem sie an Gott ganz festhielt, traten ihre außergewöhnlichen menschlichen Gaben, ihr scharfer Geist und ihre Fähigkeit, die himmlischen Dinge zu erforschen, hervor.

2. Hildegard wurde im Jahre 1098 in Bermersheim in der Nähe von Alzey als Tochter adliger und wohlhabender Eltern geboren. Mit acht Jahren wurde sie im Benediktinerkloster auf dem Disibodenberg als dargebrachtes Kind („oblata“) aufgenommen, wo sie im Jahre 1115 ihre Ordensgelübde ablegte. Nach dem Tod Juttas von Sponheim, im Jahre 1136, wurde Hildegard als ihre Nachfolgerin zur Magistra gewählt. Gesundheitlich zwar schwach, aber im Geiste voller Kraft strebte sie ganz und gar danach, eine angemessene Erneuerung des klösterlichen Lebens zu fördern. Das Fundament ihrer Spiritualität bildete die Regel des heiligen Benedikt, die zum Weg der Heiligkeit eine geistliche Ausgeglichenheit und eine maßvolle Askese empfiehlt. Wegen der zuwachsenden Anzahl der Nonnen, die vor allem Hildegards Vorbildlichkeit zu verdanken war, gründete sie etwa im Jahre 1150 ein Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, in das sie mit zwanzig Schwestern übersiedelte. Im Jahre 1165 gründete sie ein zweites Kloster in Eibingen, auf der anderen Rheinseite. Beiden Klöstern stand sie als Äbtissin vor.

Innerhalb der Klostermauern kümmerte sie sich um das geistliche und das leibliche Wohl ihrer Schwestern, indem sie für das Gemeinschaftsleben, die Kultur und die Heilige Liturgie auf außerordentliche Weise Sorge trug. Außerhalb des Klosters setzte sie sich eifrig ein, um den christlichen Glauben zu stärken und das religiöse Leben zu befestigen, indem sie die Irrlehre der Katharer abwehrte, die Erneuerung der Kirche mit Schriften und Predigten unterstützte und die Verbesserung der Disziplin und der Lebensweise des Klerus förderte. Auf die Bitte unserer Vorgänger, Hadrian IV. und später Alexander III., hin verwirklichte sie ein fruchtbares Apostolat, als sie – zur damaligen Zeit ungewöhnlich –einige Reisen unternahm, um an öffentlichen Orten und in etlichen Kathedralen die Menschen aufzurütteln, u.a. in Köln, Trier, Lüttich, Mainz, Metz, Bamberg und Würzburg. Ihre tiefe mystische Erfahrung und ihre Schriften, welche den Gottesdienst und die Spiritualität betreffen, brachten sowohl den Gläubigen als auch prominenten Persönlichkeiten ihrer Zeit großen Nutzen und bewirkten nachhaltige Erneuerungen in der Theologie, der Liturgie, den Naturwissenschaften und der Musik.

Nachdem sie im Sommer 1179 durch schwere Krankheit heimgesucht worden war, starb sie am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg bei Bingen, umgeben von ihren Schwestern, im Rufe der Heiligkeit.

3. Mit ihren zahlreichen Schriften setzte sich Hildegard ausschließlich dafür ein, die göttliche Offenbarung auszulegen und Gott in der Klarheit seiner Liebe zu zeigen. Hildegards Lehre zeichnet sich sowohl durch ihre tiefgründigen und rechten Deutungen als auch durch ihre einzigartigen Visionen aus. Die Texte, die sie verfasste, sind von einer wahren „intellektuellen Liebe“ („caritate intellectuali“) durchdrungen und zeigen die Fruchtbarkeit und die Unteilbarkeit der Betrachtung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Inkarnation, der Kirche, der Menschheit und der Natur, die als Gottes Schöpfung zu erkennen und zu bewahren gilt.

Diese Werke sind aus innigsten mystischen Erfahrungen entstanden und stellen ein wirksames Nachdenken über Gottes Geheimnis dar. Seit ihrer Kindheit an wurden Hildegard nämlich von Gott Visionen zuteil, von denen sie dem Mönch Volmar, ihrem Sekretär und geistlichen Ratgeber, wie auch ihrer Mitschwester, Richardis von Stade, erzählte. Überaus deutlich ist das Urteil des heiligen Bernhard von Clairvaux, der sie zur Fortsetzung ihres Werkes ermutigte, und vor allem das Urteil des seligen Papstes Eugen III., der im Jahre 1147 Hildegard die Erlaubnis des Schreibens und des öffentlichen Predigens erteilte. Das theologische Nachdenken ermöglichte es Hildegard, den Inhalt ihrer Visionen darzulegen und zu verstehen. Neben theologischen und mystischen Büchern verfasste sie auch naturheilkundliche Werke. Sie schrieb zahlreiche – etwa 400 – Briefe, die sie an bekannte Personen, klösterliche Gemeinschaften, Päpste, Bischöfe und weltliche Herrscher ihrer Zeit richtete. Sie komponierte auch liturgische musikalische Werke. Keine weitere Autorin im Mittelalter hinterließ ein solches Gesamtwerk, das bezüglich der Quantität, der Qualität und der Wahrheit des Inhalts mit dem Hildegards vergleichbar wäre.

Ihre Hauptwerke sind: Scivias, Liber vitae meritorum und Liber divinorum operum. Sie geben ihre Visionen wieder und den Auftrag des Herrn, sie aufzuschreiben. Die Epistolae sind nach dem Dafürhalten der Autorin selbst nicht weniger wichtig, sie bezeugen nämlich die Sorge, mit der Hildegard die Ereignisse ihrer Zeit verfolgte, die sie im Lichte des göttlichen Geheimnisses deutete. Dazu kommen 58 Homilien, Expositiones Evangeliorum, die sie vor ihren Mitschwestern vortrug und die Auslegungen zu den Evangelienperikopen des liturgischen Jahres enthalten. Ihre musikalischen Werke heißen Symphonia harmoniae caelestium revelationum und Ordo virtutum, ihr naturheilkundliches Werk heißt Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum; Physica enthält die Naturkunde, Causae et curae die Heilkunde. Schließlich sind auch sprachliche Schriften bekannt, die als Lingua ignota und Litterae ignotae betitelt sind, in denen sie Wörter einer unbekannten, von ihr erfundenen Sprache aufzeichnete, die aber hauptsächlich nach den Regeln der deutschen Sprache gebildet sind.

Hildegards Sprache, die neue und wirkkräftige Formen hervorbringt, bedient sich gerne der poetischen Redeweise, die vor allem symbolischen Charakter, leuchtende Einsichten, kurzgefasste Analogien und beeindruckende Metaphern aufweist.

4. Mit scharfem geistigem und prophetischem Sinn schaute Hildegard auf das Offenbarungsgeschehen. Ihre Erforschungen entfalten sich aus der Heiligen Schrift, an der sie stark festhielt. Die Einsichten der Mystikerin aus Bingen zielen nicht darauf, einzelne Fragen in Traktaten zu lösen, vielmehr will Hildegard eine Synthese des ganzen christlichen Glaubens bieten. In ihren Visionen und deren Auslegungen gibt sie eine Zusammenfassung der Heilsgeschichte, vom Anfang der Welt bis zur eschatologischen Vollendung. Gottes Entschluss, das Werk der Schöpfung zu vollbringen, ist der erste Schritt auf diesem unermesslichen Weg, der im Lichte der Heiligen Schrift bei der Erschaffung der himmlischen Hierarchien bis zum Fall der Engel, die sich aufgelehnt haben, und bis zur Sünde der ersten Menschen ansetzt. Auf dieses erste Bild folgen die erlösende Menschwerdung des Gottessohnes und das Wirken der Kirche, die im Laufe der Zeit das Mysterium der Inkarnation behütet und den Kampf gegen den Satan führt. Dieses Werk wird in der endgültigen Ankunft des Gottesreiches und im Jüngsten Gericht gipfeln.

Hildegard stellt sich selbst und uns die bedeutungsvolle Frage, ob Gott erkannt werden kann. Darüber nachzudenken ist die vornehmste Aufgabe der Theologie. Ihre Antwort ist durchaus bejahend: Durch den einen Glauben, wie durch ein Tor, vermag sich der Mensch dieser Erkenntnis annähern. Dennoch bewahrt Gott die Distanz seines Geheimnisses und seiner Unbegreiflichkeit. Er gibt sich zwar in dem Geschaffenen erkennbar, kann aber nicht ganz begriffen werden. Die in sich betrachtete Natur gibt nur teilweise Auskunft über Gott, was aber nicht selten zu Irrtümern und Missbrauch führt. Daher ist also der Glaube auch in der dynamischen Kraft der natürlichen Erkenntnis vonnöten, sonst wird die Erkenntnis eng, unzulänglich und irreführend.

Die Schöpfung ist ein Akt der Liebe, durch welche die Welt aus dem Nichts entstehen kann: Daher sind die ganze Geschlechtsfolge der Geschöpfe, wie eines fließenden Stromes, von der göttlichen Liebe durchdrungen. Von allen Geschöpfen liebt Gott den Menschen auf eine einzigartige und besondere Weise: Ihm hat er eine herausragende Würde gegeben, indem er ihm jene Herrlichkeit verlieh, welche die gefallenen Engel verloren hatten. Der Mensch vermag Gott insbesondere zu erkennen, nämlich seine ungeteilte Natur in der Dreifaltigkeit der Personen. Hildegards Zugang zum Mysterium der Trinität lehnt sich an Augustinus: Durch die Ähnlichkeit in der eigenen Struktur, durch die Kraft der Vernunft, vermag der Mensch ein Bild von der innigsten Realität Gottes zu gewinnen. Aber erst im Bekanntwerden der Menschwerdung und der menschlichen Natur des Gottessohnes wird dieses Mysterium dem Glauben und der Erkenntnis des Menschen zugänglich. Den Dienern des Alten Gesetztes war die heilige und unaussprechliche Dreifaltigkeit in der höchsten Einheit verborgen. In der neuen Gnade wurde sie denen geoffenbart, die von der Sklaverei befreit worden sind. Die Dreifaltigkeit hat sich auf besondere Weise am Kreuz des Sohnes geoffenbart.

Ein weiterer „Ort“, an dem Gott erkennbar wird, ist das Wort, das in dem Alten und dem Neuen Testament enthalten ist. Dadurch, dass Gott „spricht“, wird der Mensch zum Hören berufen. Diese Erkenntnis ermöglicht Hildegard, ihre Lehre über den Gesang, vor allem den liturgischen, zu entfalten. Die Stimme des Wortes Gottes bringt Leben hervor und offenbart sich in den Geschöpfen. Auch jene Geschöpfe, die keine Vernunft haben, sind durch das schaffende Wort von der dynamischen Kraft der Schöpfung durchdrungen. Der Mensch ist jenes Geschöpf, das mit seiner Stimme der Stimme des Schöpfers antworten kann, was auf zweifache Weise geschieht: mit der Stimme seines Mundes, d.h. in der liturgischen Feier, und mit der Stimme seines Herzens, d.h. in einem sittlichen und heiligen Leben. Das ganze menschliche Dasein kann also wie eine Harmonie und Symphonie betrachtet werden.

5. Hildegards Anthropologie nimmt ihren Anfang bei der biblischen Erzählung über die Erschaffung des Menschen nach Abbild und Ähnlichkeit Gottes (Gen 1, 26). Hildegards Kosmologie zufolge, die in der Heiligen Schrift verwurzelt ist, umfasst der Mensch alle Elemente des Weltalls, indem die ganze Welt in ihm enthalten ist, weil er aus derselben Materie geformt ist wie die Schöpfung. Daher kann die Schöpfung zur Erkenntnis Gottes beitragen. Es vollzieht sich nicht durch direkte Schau, sondern gemäß dem Wort des Paulus „durch Spiegel“ (1 Kor 13, 12). Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht in seiner „rationalitas“, die als Verstand und Wille gebildet ist. Durch den Verstand vermag der Mensch das Gute vom Bösen zu unterscheiden, durch den Willen wird er zum Handeln angespornt.

Der Mensch wird als Leib-Seele-Einheit betrachtet. Die deutsche Mystikerin scheint den Leib wertzuschätzen, selbst in der Gebrechlichkeit des Körpers kann sie das Gut der göttlichen Vorsehung entdecken: Der Leib gilt nicht als Last, die man abzuwerfen hätte, sondern, gerade weil er schwach und gebrechlich ist, führt er den Menschen zum Verständnis seiner Geschöpflichkeit und zur Demut und so bewahrt der Leib den Menschen zugleich von Hochmut und Überheblichkeit. In einer Vision betrachtet Hildegard im Paradies die Seelen der Seligen, die darauf warten, dass sie mit ihren Leibern vereint werden. Denn wie es an Christi Leib bereits vollzogen wurde, ist auch unser Leib zur Herrlichkeit der Auferstehung bestimmt, zur höchsten Wandlung in das ewige Leben hinein. Selbst die Schau Gottes, die das ewige Leben bedeutet, kann ohne den Leib nicht endgültig erlangt werden.

Der Mensch existiert als Mann und Frau. Hildegard ist sich dieser Bedingung menschlichen Daseins bewusst, nämlich der gegenseitigen und wesentlichen Gleichheit zwischen Mann und Frau, die in der ontologischen Struktur begründet ist. Die Menschlichkeit ist aber auch der Sitz der Sünde, was zuerst in der Geschichte zwischen Adam und Eva offensichtlich wurde. Anders als andere mittelalterliche Autoren, die den Grund des Sündenfalls in Evas Schwachheit festmachten, fand Hildegard, dass Adams übertriebene Liebe zu Eva den Sündenfall verursachte.

Selbst im Stand der Sünde ist der Mensch zu Gottes Liebe bestimmt, weil diese Liebe bedingungslos ist und nach dem Sündenfall das Angesicht der Barmherzigkeit zeigt. Die Strafe, die Gott über den Mann und die Frau verhängte, offenbart zugleich die Barmherzigkeit Gottes. In diesem Sinne wird das menschliche Dasein sehr treffend als Unterwegssein beschrieben und der Mensch als Pilger („homo viator“). Auf dem Pilgerweg in seine Heimat ist der Mensch zum Kampf berufen, um das Gute zu wählen und das Böse zu meiden.

Die kontinuierliche Wahl des Guten bringt die Tugend hervor. Der menschgewordene Gottessohn ist das Subjekt aller Tugenden, so besteht die Nachfolge Christi durch eine tugendhafte Existenz in der Gemeinschaft mit Christus. Die Kraft der Tugend fließt aus dem Heiligen Geist, der in die Herzen der Gläubigen ausgegossen ist und der den Lebenswandel rechtschaffen macht: Darin besteht das Ziel menschlicher Existenz. Der Mensch erfährt auf diese Weise seine Christusförmigkeit als Vollendung.

6. Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Herr der Kirche die Sakramente gegeben. Das Heil und die Vollendung erreicht der Mensch nicht allein aufgrund der Anstrengung seines Willens, sondern auch durch die Gabe der Gnade, die Gott seiner Kirche anvertraut.

Die Kirche ist das erste Sakrament des Heils, das Gott in der Welt stiftet, um das Heil allen Menschen zu vermitteln. Sie, die der „Bau aus lebendigen Seelen“ ist, kann zu Recht als Jungfrau, Braut und Mutter betrachtet werden, und deshalb ist sie ähnlich der historischen und der mystischen Gestalt der Gottesmutter. Vor allem vermittelt die Kirche das Heil dadurch, dass sie die zwei großen Mysterien, Dreifaltigkeit und Inkarnation, behütet und verkündet, die wie Erstlingssakramente („sacramenta primaria“) sind, und dann dadurch, dass sie die anderen Sakramente austeilt. Der Gipfel der Sakramentalität der Kirche ist die Eucharistie. Die Sakramente bewirken die Heiligung und das Heil der Gläubigen, die Reinigung von Sünden, die Erlösung, die Liebe und weitere Tugenden. Die Kirche wiederum lebt nur dadurch, wenn Gott seine innertrinitarische Liebe in ihr zeigt, die in Christus geoffenbart ist. Jesus Christus ist nämlich der vorzüglichste Vermittler. Er kommt aus dem Schoß der Dreifaltigkeit dem Menschen entgegen und geht aus dem Schoß Mariens Gott entgegen: Als Gottes menschgewordener Sohn ist er die Liebe, als Mariens Sohn ist er vor Gottes Thron der Gesandte des menschlichen Geschlechtes.

Daher kann der Mensch zur Gotteserfahrung gelangen. Dabei erschöpft sich diese Erfahrung nicht im Bereich der Vernunft, sondern umfasst den ganzen Menschen. Alle Sinne des Menschen, sowohl die äußeren als auch die inneren sind in die Gotteserfahrung mit einbezogen: „Der Mensch aber wurde nach Gottes Abbild und Ähnlichkeit erschaffen, damit er mit den fünf Sinnen seines Leibes wirkt. Er ist durch sie nicht geteilt, sondern durch sie ist er weise, wissend und verständig, seine Werke zu vollenden. […] Dadurch aber, dass der Mensch weise, wissend und verständig ist, erkennt er die Geschöpfe, ferner erkennt er durch die Geschöpfe und durch seine großen Werke, die er auch mit seinen fünf Sinnen kaum erfassen kann, Gott, den der Mensch allein nur im Glauben zu sehen vermag.“ (Explanatio Symboli Sancti Athanasii / Auslegung des Glaubensbekenntnisses des heiligen Athanasius). Der Weg dieser Erfahrung vollendet sich schließlich in der Teilnahme an den Sakramenten.

Hildegard sieht auch die Streitigkeiten, die im Leben der einzelnen Gläubigen vorhanden sind, und deckt die armseligen Umstände auf. Auf besondere Weise betont sie in Lehre und in Tat, dass der Individualismus sowohl vonseiten der Laien als auch der Kleriker das Zeichen des Hochmuts ist und ein großes Hindernis für die Sendung der Kirche bedeutet, das Evangelium denen zu verkünden, die nicht Christen sind.

Hildegards Lehre gelangt zum Höhepunkt, wenn sie ihre eifrigste Ermutigung denen widmet, die sich an den Stand des geweihten Lebens gebunden haben. Das wahre Verständnis dieses geweihten Lebens ist „metaphysisch-theologisch“, weil es stark in der theologischen Tugend des Glaubens verwurzelt ist, der Quelle und immerwährender Inhalt einer in Gehorsam, Armut und Keuschheit fundierten Existenz ist. Der gottgeweihten Person wird in der Erfüllung der evangelischen Räte die Erfahrung mit dem armen, keuschen und gehorsamen Christus zuteil, wenn sie im Alltag an seinem Weg festhält. Das ist die Vorzüglichkeit des gottgeweihten Lebens.

7. In Hildegards vortrefflicher Lehre hallt all das wider, was die Apostel, die Väter und die Autoren ihrer Zeit lehrten, wobei sie die Regel des heiligen Benedikt aus Nursia ununterbrochen berücksichtigte. In ihren Gedanken findet man hauptsächlich die Reflexionen der monastischen Liturgie und der Heiligen Schrift wieder, die besonders im Mysterium der Inkarnation begründet sind und in der höchsten Einheit von Schreiben und Weitergabe, die all ihre Schriften durchdringt, ihren Ausdruck finden.

Die Lehre der heiligen Benediktinerin dient dem pilgernden Menschen, dem „homo viator“, wie ein Wegweiser. Ihre Botschaft erweist sich als besonders angemessen für unsere Zeit. Wir denken zum Beispiel an die Fähigkeit ihres Charismas und ihres Denkens, in denen ihre Stärke lag und die als lebendiger Ansporn zu theologischen Fragestellungen gelten; an die Betrachtung des Mysteriums Christi, das in seiner Schönheit wahrgenommen wird; an den Dialog der Kirche und der Theologie mit der zeitgenössischen Kultur, Wissenschaft und Kunst; an das Ideal des geweihten Lebens, in dem sich der Mensch vollenden kann; an die Hochschätzung der Liturgie als der Feier des Lebens; an das Engagement, die Kirche zu reformieren, was sich nicht in der Änderung von leeren Strukturen, sondern in der Bekehrung der Herzen vollzieht; an ihre Erforschung der Natur, deren Gesetze zu beachten und nicht zu missbrauchen sind.

Der Titel von Kirchenlehrerin, der Hildegard von Bingen verliehen wird, hat eine große Bedeutung für unsere Zeit und für die Frauen. In Hildegard werden die Tugenden des weiblichen Geschlechtes besonders sichtbar: Sie macht die Präsenz der Frauen in der Kirche und der Gesellschaft deutlich, sowohl was die wissenschaftliche Forschung als auch was den pastoralen Einsatz betrifft. Aufgrund ihrer Fähigkeit, mit denen zu sprechen, die sich vom Glauben und von der Kirche entfernt haben, ist Hildegard eine authentische Zeugin der Neuevangelisierung.

Aufgrund des Rufes ihrer Heiligkeit und ihrer hervorragenden Lehre hat Joseph Kardinal Höffner, Erzbischof von Köln und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zusammen mit den Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen der Bischofskonferenz, zu denen auch wir, damals Kardinal und Erzbischof von München und Freising, gehörten, am 6. März 1979 dem seligen Johannes Paul II. die Bitte unterbreitet, dass Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin erhoben werde. In dieser Bitte betonte unser ehrwürdiger Bruder die Rechtgläubigkeit von Hildegards Lehre, die unser Vorgänger Eugen III. bereits im 12. Jahrhundert anerkannt hatte, sowie ihre Heiligkeit, die das Volk anerkannte und feierte, ebenso die Autorität ihrer Schriften. Im Laufe der Jahre folgten dieser Bitte der Deutschen Bischofskonferenz mehrere, vor allem der Nonnen des Klosters in Eibingen, das Hildegards Namen trägt. Da also das Volk Gottes gewünscht hat, dass Hildegard offiziell als Heilige anerkannt wird, kommt noch hinzu, dass sie für Kirchenlehrerin der Universalkirche erklärt wird.

In meinem Auftrag hat daher die Heiligsprechungskongregation eine Stellungnahme über die Kanonisation und die Verleihung des Titels einer Kirchenlehrerin der Universalkirche über die Mystikerin aus Bingen („Positio super Canonizatione et Consessione tituli Doctoris Ecclesiae universalis“) vorbereitet. Da es sich hier um eine sehr angesehene Lehrmeisterin der Theologie handelt, über die mehrere und ausführliche Untersuchungen durchgeführt wurden, haben wir eine Dispens von dem erlaubt, was Art. 73 der Apostolischen Konstitution Pastor Bonus [die Zustimmung der Glaubenskongregation] verordnet. Die Sache wurde am 20. März 2012 in der Vollversammlung der Kardinäle und Bischöfe unter der Leitung unseres ehrwürdigen Bruders Angelo Kardinal Amato, des Präfekten der Heiligsprechungskongregation, mit erfreulichem Ergebnis überprüft. In der Audienz am 10. Mai 2012 hat uns Kardinal Amato in allen Einzelheiten über den Stand der Sache und die Abstimmung der Väter der erwähnten Vollversammlung der Heiligsprechungskongregation informiert. Nachdem die „äquipollente Kanonisation“ am 10. Mai 2012 vollzogen worden war, verkündeten wir zu Pfingstfest, am 27. Tag desselben Monats und Jahres, auf dem Petersplatz mit Freude der großen Schar der Pilger aus aller Welt, dass wir den Titel „Doctor Ecclesiae universalis“ der heiligen Hildegard von Bingen und dem heiligen Johannes von Avila zu Beginn der Bischofssynode und zum Anfang des Jahres des Glaubens erteilen werden.

Das ist heute mit Gottes Hilfe und unter dem Beifall der ganzen Kirche geschehen. Auf dem Petersplatz haben wir in Anwesenheit zahlreicher Kardinälen und Vorsteher der Römischen Kurie und der katholischen Kirche, um alles zu bestätigen und den Wunsch der Bittenden mit Freude zu erfüllen, bei der Eucharistiefeier folgende Worte verkündigt: „Um den Wunsch mehrerer Brüder im Bischofsamt und vieler Christgläubiger auf dem ganzen Erdkreis zu erfüllen, erheben wir zufolge der Beratung der Heiligsprechungskongregation mit sicherem Wissen und nach reifer Überlegung und in der Fülle der apostolischen Macht den heiligen Johannes von Avila, Diözesanpriester, und die heilige Hildegard von Bingen, Nonne des Benediktinerordens, zum Lehrer bzw. zur Lehrerin der Universalkirche. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Dies kündigen wir an, bestimmen und erklären, dass dieses Schreiben gültig, bedeutungsvoll und wirksam ist und bleibt und volle und unversehrte Wirkung erhält und innehat. So ist dieses Schreiben auf rechte Weise bekannt zu machen und festzusetzen, und es ist von nun an ungültig und nichtig, wenn etwas diesbezüglich, gleich von wem und mit welcher Autorität, wissend oder unwissend eventuell angefochten würde.

Gegeben in Rom bei St. Peter mit dem Siegel des Fischerringes, am 7. Oktober im 2012. Jahr des Herrn, im achten Jahr unseres Pontifikats.

Papst Benedikt XVI.